In Deinem Roman stecken sehr viele Themen: Er beinhaltet in erster Linie eine Familiengeschichte, aber auch Beziehungsgeschichten.
Das Wasser-Motiv spielt zudem eine große Rolle, gut gezeichnetes Lokalkolorit ist enthalten, und es gibt einen besten schwulen Freund, dem eine große Überraschung widerfährt. Du scheust aber auch nicht schwierige Themen, wie z.B. Krankheit oder Gewalt.
Der Leser folgt Jo zudem bei ihrer Reise in die Vergangenheit und auch bei ihrer Reise zu sich selbst zu vielen interessanten Orten (München, Straubing, Regensburg, Wien, Italien).
Trotz der vielen Themen und Orte wirkt der Roman erstaunlich klar und strukturiert – nicht überbordend, sondern sehr gelungen auf die „Essenz heruntergekocht“, was auch besonders in den guten Dialogen deutlich wird.
Es war sicherlich sehr zeit- und arbeitsaufwendig, auf diese Art und Weise ein gelungenes Ergebnis zu erhalten, oder?
Ja, aber ich wollte ja auch unbedingt ein gutes Manuskript abgeben, das man veröffentlichen kann. Und deswegen habe ich zunächst einmal ein Jahr lang sehr intensiv und diszipliniert an dem Roman gearbeitet. Weil ich dann aber noch nicht zufrieden war und leider nicht wusste, was ich zu dem Zeitpunkt noch hätte tun können, ließ ich das Manuskript ein Jahr lang liegen. Und nach diesem Jahr habe ich alles noch mal überarbeitet und es dann an den Verlag geschickt. Und weil die Verlagsleute zurecht und dem Himmel sei Dank noch Änderungswünsche hatten, saß ich dann nochmal zwei Monate am Schreibtisch zum Überarbeiten. Und zum Schluss waren da noch die zwei Wochen Arbeit mit der Lektorin, die viel Spaß machten, weil es so beglückend war, dem Ganzen den letzten Schliff zu geben.
Magst Du unseren Lesern noch etwas mehr über die Entstehung bzw. den Entstehungsprozess Deines Roman-Debüts erzählen? Wie lange dauerte es von den ersten Schreib-Entwürfen bis zum „fertigen Produkt“?
Mit meiner Hauptfigur Jo habe ich schon länger gearbeitet, sie ist 2002 zum ersten Mal aufgetaucht und es gibt viele unveröffentlichte Erzählungen, in denen sie die Hauptrolle spielt. Und irgendwann tauchte die Idee mit dem Familiengeheimnis auf und dann musste ich all die anderen Figuren erarbeiten. Es gibt Schreibübungen, mit denen man Figuren Leben einhauchen kann. Und die habe ich für alle gemacht. Bis auf die beiden Nichten. Die Kinder sind mir irgendwie zugeflogen und hatten sofort die nötige Substanz. Dann habe ich ein Romanseminar gemacht und das Konzept für den Roman vorgestellt, ausgearbeitet, besprochen und weiter daran gefeilt.
Hast Du Schreibgewohnheiten (Ort, Tageszeiten, PC oder manuell, Aussehen des Arbeitsplatzes etc.) entwickelt? Wenn ja, welche?
Erste Entwürfe für Szenen schreibe ich oft mit dem Bleistift auf Papier, das ist dann skizzenhaft, roh und sogar für mich nicht immer gut leserlich. Und dann schreibe ich es umgehend in den PC und arbeite es weiter um und überprüfe es ständig. Und ich habe meistens einen Notizblock oder Karteikarten bei mir, denn manchmal kommen die Einfälle zu den unglaublichsten Zeiten oder in den unpassendsten Situationen, und da hilft es immer, sie kurz zu notieren. Verwerfen kann man sie ja immer.
Wenn ich einen ganzen Tag Zeit fürs Schreiben habe, dann ist mein Schreibtag ein ganz normal strukturierter Arbeitstag von 9.00 Uhr morgens bis circa 18.00 Uhr abends. In der Mittagspause mache ich immer einen Spaziergang, um Körper und Geist zu bewegen. Oft kommen mir beim Spazierengehen die schönsten Ideen oder ich weiß dann plötzlich, wie die nächste Szene, die ich nur ganz roh im Kopf hatte, konkret werden soll. Und wenn ich mal gar nicht weiter weiß, gehe ich an die Luft und dann arbeite ich wieder weiter.
Das Schreiben ist eine normale Arbeit, das sagen viele SchriftstellerInnen, und je regelmäßiger und normaler man diese Arbeit tut, desto besser läuft sie. Deshalb sitze ich auch ganz normal am Schreibtisch und habe meine Wörterbücher, Karteikarten und Notizblöcke um mich. In den ersten „kreativen“ Phasen höre ich oft Musik oder wenn ich morgens noch nicht ganz wach bin und anfangen muss. Wenn es aber ans Überarbeiten geht, ist es ruhig, weil ich ich schwierige Passagen auch oft laut vorlese.
Welcher Part ist für Dich der schönste beim Schreibprozess? Welcher der anstrengendste und warum?
Ich finde es beglückend, wenn aus einer Idee eine konkrete Szene wird. Und wenn ich das Gefühl habe, dass es so stimmig ist. Oder wenn mir beim Lesen etwas auffällt, und ich eine Ahnung habe, wie ich es besser machen könnte.
Anstrengend ist es für mich, das Geschriebene zum ersten Mal nach außen zu geben und das Feedback, das sehr hilfreich, nötig und wichtig ist, mit dem eigenen roten Faden in Einklang zu bringen. Also zu überprüfen, wo die Kritik und die Änderungswünsche oder –vorschläge gerechtfertigt sind bzw. wo es so stimmig ist, wie ich es gemacht habe. Manchmal merke ich aber auch erst durch die Rückfragen, dass ich gar keinen roten Faden habe. Das ist der anstrengendste, und vielleicht auch der wichtigste Part beim Schreiben.
Wie sieht ein „typischer“ Bettina-Heinzelmann-Tag aus?
Ein typischer Schreibarbeitstag fängt um 9.00 an. Da halte ich mich genau daran, denn es gibt ja immer etwas anderes zu tun, was auch Spaß machen könnte. Die Vormittage sind meine kreativste, wachste Zeit, und deswegen halte ich die auch penibel genau ein. Bei den Nachmittagen bin ich auch mal flexibler. Und abends habe ich frei, außer es gibt Zeitdruck in irgendeiner Form.
Bitte beschreibe Dich, Deinen Charakter, kurz in drei Sätzen. Was ist charakteristisch für Dich?
Selbsteinschätzungen sind ja immer so eine Sache. Ich versuche es einfach mal und würde sagen, dass ich auf den ersten Blick eine temperamentvolle, begeisterungsfähige und sehr lebendige Frau bin, die gut auf Menschen zugehen kann. Auf den zweiten Blick sieht man dann aber auch, dass ich viel zwischen den Zeilen lese und sehr schnell und tief zu essentiellen Dingen komme.
Gibt es einen Traum, den Du Dir erfüllen möchtest?
Weiter schreiben, mich weiter als Autorin entwickeln, eine gute Stimme finden, viele gute Romane schreiben, gut veröffentlichen können und ganz wichtig: gerne gelesen werden.
Welche Genres liest Du selbst gerne bei Büchern? Hast Du einen Bücher- oder Autorentipp für unsere LeserInnen?
Ich bin eine klassische Romanleserin. Aber da ich als Buchhändlerin natürlich sowieso viel lese, stehen auch Sachbücher und Bücher im Bereich Kinder- und Jugendliteratur auf der Leseliste.
Meine Lieblingsbücher sind die, die ich ungefähr einmal im Jahr, mit großer Begeisterung wieder lese, weil ich immer wieder neue stilistische Feinheiten und Zusammenhänge erkenne. Zum Beispiel: Virginia Woolf mit „Orlando“ oder Jeanette Winterson mit „Auf den Körper geschrieben“ und „Powerbook“.
Pat Barker bewundere ich maßlos und habe ihre Erzählweise ausführlich „studiert“. Ihre Trilologie über den 1. Weltkrieg, „Niemandsland“, „Die Straße der Geister“ und „Das Auge in der Tür“, raubt mir immer wieder den Schlaf, weil alles so perfekt erzählt ist und gleichzeitig historisch so komplex und spannend gemacht ist. Dann finde ich Patricia Dunckers Bücher mit all ihrer Abgründigkeit und ihrem britschen Humor sehr faszinierend. Und Connie Palmens Bücher gehen mir immer wieder unter die Haut: erst die Tage habe ich mal wieder „Die Gesetze“ gelesen und konnte nicht aufhören.
Sind auch Lesungen geplant? Wenn ja, wann und wo?
Am 28. April lese ich bei Bücher Pustet in Regensburg. Am 7. Mai gibt es eine Lesung in Schwabmünchen (das liegt in der Nähe von Augsburg), dann lese ich am 8. Mai bei der Langen Nacht der Bücher in der Oranienburgerstraße in Berlin. Und am 18. Mai gibt es im Rahmen der queeren Kulturtage eine Lesung in Osnabrück. Die genauen Termine stehen alle auf der Homepage des Querverlages.
Ist bereits ein neuer Roman in Vorbereitung? Wenn ja, worum geht es?
Ich habe eine Idee für einen neuen Roman, aber es ist bisher nur eine Idee, und da ich ja auch nie einen Keim ausgrabe, um zu sehen, ob er wächst, kann ich jetzt leider auch noch gar nichts dazu sagen.
Aber ich freue mich schon darauf, wenn wieder eine intensive Schreibphase kommt und ich mich ganz und gar darauf einlassen kann. Und jetzt genieße ich die Phase, meinen Erstling bekannt zu machen und parallel dazu Ideen zu sammlen, Figuren auszuarbeiten und herumzuspinnen, wie der neue Plot aussehen könnte. Das Schöne am Schreiben ist, dass der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Und das lohnt all die Mühen und die Zeit, die ich dafür investiere.
Liebe Bettina, vielen Dank für das Interview!
Vielen Dank für die sehr interessanten Fragen!
Das Interview führte Simone Graf. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Happy End Bücher,
Foto: C. Zacharias
Autorin des Monats/Autor des Monats
Interviews mit anderen Quer-AutorInnen in unserem Archiv.