Alltägliche Heldinnen!

juli 2015

Interview mit
Elke Amberg

"Lesben sind in den Medien immer noch nicht sichtbar."

 

Die Journalistin und studierte Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg wandte sich nach Jahren journalistischer Tätigkeit der Öffentlichkeitsarbeit für diskriminierte gesellschaftliche Gruppen zu. Der Grund: Wichtige Themen haben in den Medien keine Lobby und werden mehr oder weniger totgeschwiegen. Ein Gespräch über die Macht der medialen Auslese.

Elke, du bist nach über einem Jahrzehnt freiberuflicher Arbeit für Radio, Fernsehen und Zeitung quasi ausgestiegen und veröffentlichst mittlerweile medienwissenschaftliche Grundlagenwerke zur lesbischen Medienpräsenz. Wie ist es dazu gekommen?

Das war in gewisser Weise Zufall, zum anderen eine logische Konsequenz und nicht zuletzt wohl auch der Zwang des Notwendigen. Ich interessiere mich schon immer für benachteiligte gesellschaftliche Gruppen, genauso wie für mich von jeher klar war, dass ich einen kreativen Beruf machen wollte. Das liegt wohl auch an meiner Sozialisation.

Inwiefern?

Ich stamme mütterlicherseits von einer ungarndeutschen Flüchtlingsfamilie ab. Meine Mutter ist in Ungarn geboren und sie kam mit ihren Eltern als Flüchtling nach Deutschland. Die Familie hat als Bauern seit Generationen in Ungarn gelebt. Sie flüchteten vor „den Russen“, wie meine Oma immer erzählte, kurz vor Kriegsende nach Deutschland und landeten in Ulm. Meine Mutter lernte Verkäuferin, mein Vater ursprünglich Holzbildhauer. Er stammt aus Franken, wo dieses Handwerk damals noch verbreitet war. Doch beide bildeten sich weiter und arbeiteten dann als Angestellte. Mein Mutter nach der Babypause fast Vollzeit im Büro, meine Vater über Jahrzehnte als technischer Angestellter in Schichtarbeit. Sie hatten ja zwei Kinder – ich habe einen fünf Jahre jüngeren Bruder –, die ernährt werden mussten. Bei uns wurde viel Wert auf Bildung und kreativen Selbstausdruck gelegt, zum Beispiel Malen oder Musik machen. Ich gewann schon als Grundschülerin einen Malwettbewerb und malte am Anfang meiner Pubertät mit Leidenschaft Frauenportraits, allerdings ohne zu wissen, warum. Ich wuchs also auf dem Dorf auf und zwar überwiegend in der Großfamilie im Haushalt meiner Oma. Dort lebten auch zwei Urgroßeltern und die Familie meines Onkels. Meine Cousins und meine Cousine waren wie Geschwister. In gewisser Weise war es eine Enklave mit einem starken Wir-Gefühl. Meine Mutter sprach ungarndeutsch mit ihren Eltern und hat mir später oft erzählt, dass ihr als Kind nachgerufen wurde: „Ihr dreckigen Flüchtlinge!“. Ich erinnere gut an eine Situation in der sie richtig Zivilcourage zeigte; sie legte sich vor allen Leuten mit dem Busfahrer an, der einen unsicher auf dem Fahrrad fahrenden Türken aggressiv zusammenhupte. Durch meinen Cousin, der schon früh sein Coming-out hatte und der ein bisschen die Rolle eines Freundes und älteren Bruders einnahm, war ich schon als Jugendliche mit dem Thema Homosexualität konfrontiert. Damals engagierte ich mich zum ersten Mal für die Abschaffung des Paragrafen 175 zusammen mit ihm in der Ulmer Fußgängerzone. Außerdem hat mich sehr meine Schulzeit an einer Reformschule geprägt.

Was war das für eine Schule?

Sie nannte sich „2. Ulmer Modell“. Mit dieser antiautoritär orientierten Schule hatte ich großes Glück, denn es war eine der beiden Reformschulen in Baden-Württemberg. Die Schule arbeitete mit jungem, sehr engagiertem Lehrpersonal, das nicht viel Wert auf althergebrachte Lehrerautorität legte, wir hatten ein Kursssystem, Ganztagsunterricht und nachmittags viele Kreativkurse wie Drucken, Töpfern oder Sport, wobei ich zum Schwimmen ging. Ich war schon immer sehr neugierig und habe den Lernstoff regelrecht aufgesogen. Im Gegensatz zu vielen, die ich kenne, habe ich mich wirklich sehr wohl gefühlt in der Schule. Als sich dann ein Regierungswechsel in Baden-Württemberg auch auf unsere Schule auswirkte – plötzlich waren wir vollkommen ungewohnten Leistungsdruck ausgesetzt – gingen einige meiner Noten regelrecht in den Keller. Ich ging sozusagen komplett in die Opposition und gründete mit anderen eine Punker-Clique, der auch mein Cousin angehörte. In dieser Zeit sang ich sogar in einer Punk-Band. Wir waren ziemlich intellektuelle Punker, aber das prägte die letzten Jahre meiner Schulzeit. Mit dem schwulen Cousin bin ich mit roten Haaren und schwarz gefärbter Hose mit aufgenähten Reißverschlüssen übrigens schon mit 17 in Ulm in VHS-Coming-out-Gruppen gesessen, um ihn zu unterstützen. Dass ich mal ein Coming-out haben würde, war mir damals vollkommen unbewusst.

Wie ging es nach der Schule weiter?

Mit dem Abi endete auch meine Punk-Phase. Das war auch der Beginn der Neuen Deutschen Welle, die ich als oberflächlich und weichgespült ansah. Ich trennte mich von meinem damaligen Freund aus der Clique und war unversehens sozusagen „heimatlos“, hatte keine Peergroup mehr. In dieser Zeit begann auch mein feministisches Engagement.

Wie kam das?

Über eine zehn Jahre ältere Freundin, die mir das Buch „Die Scham ist vorbei“ von Anja Meulenbelt auslieh. Das ist ja einer der feministischen Klassiker. Ich hatte ein regelrechtes Aha-Erlebnis: Da stand es, schwarz auf weiß! Ich hätte mich wohl damals nicht so bezeichnet, aber von da ab war ich Feministin. Ich plante ein Praktikum im Frauenhaus und wollte in Ulm ein Frauencafé aufziehen. In dieser Zeit habe ich herumgejobbt und wusste nicht so recht, wie weiter. Gerade fällt mir ein, ich war auf dem Arbeitsamt zur Berufsberatung und habe mich nach einem Studienfach „Frauen“ erkundigt. Sowas gab es damals natürlich noch nicht. Und eigentlich interessierte ich mich für Film, Journalismus oder Kunst. So begann ich ganz allein, ohne jemanden zu kennen, in München mit dem Studium der Neueren Deutscher Literatur. Schon nach kurzer Zeit machte ich mein Nebenfach Kommunikationswissenschaft zum Hauptfach, denn das Literaturstudium fand ich zu gestrig und tödlich trocken. Zudem war die Münchner Uni schrecklich unpersönlich, altbacken und hierarchisch. Die Vorlesungen und Lehrmethoden waren vom pädagogischen her für mich als ehemalige Reformschülerin einfach nur grässlich. Da ich weder aus einen bildungsbürgerlichen Hintergrund hatte, noch aus begüterten Familie stammte, fühlte ich mich reichlich deplatziert. Die Semesterferien vergingen mit Jobben, später sogar als Sekretärin an der Spielfilmabteilung der Münchner Filmhochschule. Damit finanzierte ich meinen Gesangsunterricht. Meine ersten journalistischen Versuche machte ich in der Redaktionsgruppe der Münchner Frauenzeitung Clip, die sich im Kofra traf. Sie erschien Mitte der 1980er Jahre so ungefähr zwei Jahre lang mit ein paar Ausgaben. Ich schrieb dort zum Beispiel über das 1985 erstmals stattfindende Münchner Frauenmusikfestival und verknallte mich in eine Frau aus der Zeitungsgruppe – es war ein heftiges Gefühl, ich konnte es aber nicht benennen.

Wie hast du damals gelebt?

Ich wohnte in einer WG in einem riesigen Altbau, sozusagen mit wechselnder Besetzung. Ein Künstler hatte dort sein Atelier, Tänzerinnen und ein Tänzer, ein Architekturstudent und welche die an der Kunstakademie studierten lebten dort in einer losen WG. Mit meinen Liebesbeziehungen war ich in der Zeit nicht sehr glücklich. Es gab zwar diese Verliebtheiten in Frauen, aber die konnte nicht zuordnen und war meilenweit von einem lesbischen Leben entfernt. Mein Coming-out hatte ich erst später, so ungefähr im Alter von 30 Jahren, als ich mit meinem damaligen Freund schon zusammengezogen war. Es hing auch mit beruflichen Kontakten zusammen.

Wie das?

Ich war ja während meines Studiums dann mehr an der Hochschule für Fernsehen und Film als an der unpersönlichen Münchner Uni. Der so genannte „Offene Mittwoch“, organisiert und moderiert vom Filmhistorik-Professor Karl-Friedrich Reimers, zu dem regelmäßig Leute aus der Film- und Medienbranche eingeladen wurden, avancierte schon bald zum Kern meines Studiums. Bei Professor Reimers schrieb ich dann als Abschluss eine filmpädagogische Arbeit: Ich interviewte zwölf neue deutsche Filmemacher, darunter sehr bekannte Leute wie Alexander Kluge und Edgar Reitz, und die ersten weiblichen Filmemacherinnen wie Ulla Stöckl und Claudia von Alemann. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass sie in meiner Heimatstadt Ulm in den 1960er Jahren an der (vor allem in Designerkreisen) berühmten Hochschule für Gestaltung damit angefangen hatten eine Filmausbildung anzubieten. Da ich sozusagen Expertin für das Thema war, konnte ich dann im Anschluss für den Filmemacher Alexander Kluge arbeiten. Das war dann wieder eine gute Empfehlung für meine Bewerbung bei der ZDF-Frauensendung Mona Lisa, wo ich rund ein Jahr als Freie in der Redaktion saß, recherchierte, Moderationen vorbereitete und auch ein oder zwei kleine Filme herstellte. Damals hieß es dann schon, wir würden die „feministische Ecke“ besetzen. Es drängte mich zum Film, aber gleichzeitig machte ich die Erfahrung, dass das Fernsehen oberflächlich und viel zu wenig tiefschürfend für meinen Geschmack war. In diesen Anfangsjahren meiner Berufszeit erhielt ich sogar Filmförderung für ein eingereichtes Exposé zum Thema meiner Magisterarbeit. Es entstand daraus eine Art Portrait der Stadt Ulm und der Filmausbildung, die es dort mal gab. Ein zweites Filmprojekt „Annas Kinder“, das ich mit dem Dokumentarfilmer Peter Schubert startete, befasste sich wieder mit einem pädagogischen aber auch einem feministischen Thema und es lag mir wirklich sehr am Herzen. Es ging um die jüdische Reformpädagogin Anna Essinger, die in den 20er und 30er Jahre bei Ulm ein reformpädagogisches Landschulheim gründete und später, um den Nazis zu entkommen, auf geschickte Weise mit ihrer ganzen Schule nach England emigrierte. Das Genre Dokumentarfilm ist auch heute noch meine „alte Liebe“. Doch es drängte mich nach Ausdruck und da bot sich das Medium Rundfunk als technisch und organisatorisch unkomplizierter und einfacher in der Umsetzung an. Ich landete beim Familien- und Frauenfunk des Bayerischen Rundfunks, wieder als Freie, und eignete mir das dazu nötige Wissen quasi autodidaktisch an. Dort lernte ich innerhalb von kurzer Zeit die Grenzen der freien Berichterstattung kennen. Ich recherchierte eine sehr aufwändige Sendung über Abtreibungsgegner und interviewte sie um ihre haarsträubende Argumentation offen zu legen. Sie machten dann Druck über den Rundfunkrat und die Sendung wurde mehr oder weniger in einer zensierten Fassung ausgestrahlt. Mir war klar, dass ich beim konservativsten Sender Deutschlands nicht glücklich werden konnte uns so begann ich sehr schnell auch für andere Rundfunksender deutschlandweit zu arbeiten. Mein frauenmedienpolitisches Engagement begann beim Herbsttreffen der Medienfrauen in München 1993, das ich mitorganisierte. Da verliebte ich mich Knall auf Fall in eine lesbische Referentin. Das Verliebtsein war mir ja schon öfters „passiert“, aber diesmal konnte ich es benennen. Das war mein Coming-out.

Bedeutete das einen großen Bruch?

Nein, eigentlich nicht. Denn meine Freizeit verbrachte ich sowieso hauptsächlich mit Lesben. Ich spielte Volleyball beim 1986 gegründeten Frauensportverein Amazonen, ich trainierte in einer WenDo-Selbstverteidigungsgruppe. Das fügte sich eher natürlich ineinander. Aber ich betrachte sexuelle Identität auch als prozesshaft mit fließenden Übergängen. Ich glaube zum Beispiel, dass viel mehr Frauen auch lesbische Beziehungen haben würden, aber solche Emotionen und Bedürfnisse wegen dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Prägung zur Heterosexualität mit all den Konventionen, Zwängen und Belohnungen nicht zulassen. Bei mir hat mein Engagement, und vor allem mein feministisches und lesbisches Engagement, zu einem Bruch im Beruf geführt.

Wie lief deine Neuausrichtung ab?

Ich war ja von rund zehn Jahre bis etwa 2001 für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender tätig. Und es wurde immer deutlicher, dass mein lesbisch-feministisches Engagement in den Medien nicht erwünscht war. Redakteurinnen (!) forderten mich dazu auf, doch bitte endlich „nettere Themen“ anzubieten und sich nicht schon wieder etwas, das mit Gewalt gegen Frauen zu tun hatte. Subtilere oder unterhaltsamere Frauenthemen wurden dagegen als unwichtig abgetan. Es war ein bitterer Lernprozess, dass für mich existentiell wichtigen Themen in zunehmendem Maße gesellschaftlich und vor allem in den Medien keinerlei Anerkennung mit sich brachten. Schon Ende der 1990er Jahre wurden an allen Sendern die Frauensendungen und Redaktionen zusammengestrichen oder gleich ganz abgeschafft. Das hat am Ende dazu geführt, dass ich mein Lebens- und Berufsmodell veränderte, um weiterhin meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Es war auch mein persönlicher politischer Entschluss sozusagen einen Schritt vorher tätig zu werden und benachteiligten Gruppen dabei zu helfen, ihre Darstellung in der Öffentlichkeit zu verbessern und so eine bessere Medienpräsenz und letztlich mehr Rückhalt für ihre Angelegenheiten zu gewinnen. Dabei ist es bis heute geblieben. Ich arbeite nur noch sehr vereinzelt für Mainstream-Medien, habe ein paar Jahre ehrenamtlich für das Münchner Lokalradio LORA die Frauensendung Wellenreiterin gemacht, schreibe ansonsten regelmäßig für eine Fachzeitschriften zum Thema Behinderung und habe mich darauf spezialisiert die Öffentlichkeitsarbeit für Verbände und Einrichtungen aus den Bereichen Kultur und Soziales zu übernehmen. Dazu biete ich auch Vorträge und Workshops an. Mittlerweile sehe ich mich als Medienfachfrau für die Themenbereiche Frauen, Lesben, Behinderung und nach wie vor die Pädagogik.

Wie bist du dann zur Medienwissenschaft zurückgekehrt?

Eigentlich durch eine Arbeitsgruppe des Journalistinnenbundes. Wir haben im Journalistinnenbund die AG Gender und Medien gegründet und Module, Leitfäden und andere Materialien für journalistische Ausbildung zu gendersensibler Berichterstattung entwickelt. Dadurch rutschte ich wieder mehr in die Medienwissenschaft hinein. Die Münchner Lesbenberatungsstelle LeTRa wandte sich dann an mich mit dem Auftrag, die mediale Darstellung von Lesben zu erforschen. Ich entwickelte ein Konzept für eine Studie und wertete die Berichterstattung über LGBTI im Jahr 2009 in vier in München gelesenen Tageszeitungen aus: die deutschlandweit verkaufte Süddeutsche Zeitung, die große Regionalzeitung Münchner Merkur sowie die Boulevardblätter AZ und tz. Mein Ziel war es herauszufinden, wieviel und was über Lesben berichtet wurde. Ich konnte es anfangs gar nicht glauben, dass es dazu bisher keine medienwissenschaftliche Forschung gab. Mein gesamtes Instrumentarium, die Kategorien, ich musste alles mehr oder weniger selbst entwickeln. Diese Aufgabe hätte ich nicht stemmen können ohne meine jahrelange Arbeit in der AG des Journalistinnenbundes. Ich präsentierte die ersten groben Ergebnisse für LeTRa vor ungewöhnlich großem Publikum. Es war ein Sommerabend mit 30 Grad brütender Hitze und rund fünfzig Lesben plus drei Schwule waren gekommen. Aber spätestens nach der Diskussion war mir klar, dass es hier noch mehr zu sagen gibt als das, was man bei einem Vortrag darstellen kann. Nachdem ich so „tief geschürft“ hatte, war es mir ein fast körperliches Bedürfnis, meine Erkenntnisse auch nachhaltig zugänglich zu machen. Also suchte ich ziemlich aufwändig in der ganzen Republik nach Finanzierung und Unterstützung bei der Publikation. Schlussendlich halfen mir der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) und die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung. So konnte „Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden“ im Ulrike Helmer Verlag erscheinen und wird seitdem in der Szene heiß diskutiert.

Kannst du die Ergebnisse kurz zusammenfassen?

Lesben sind immer noch Exotinnen, es gibt keine vielfältige Darstellung lesbischen Lebens in den Medien. Im Mittelpunkt stehen schwule Männer, von denen die Medien heute eine relativ große Vielfalt an Lebensentwürfen zeigen. Das trägt natürlich dazu bei, dass Schwule mittlerweile zunehmend als selbstverständlich und normal betrachtet werden. Lesben kommen am ehesten als Mütter und neuerdings auch als Fußballstars vor, zudem gibt es noch Berichte über ihr Coming-out und Diskriminierung. Dann hört es auf. Nur sieben Prozent der Berichterstattung über homosexuelle Menschen in den Medien, die ich untersucht habe, befasst sich mit Lesben. Das ist sehr wenig.

Dein Buch ist 2011 im Ulrike Helmer Verlag erschienen. Hat sich seitdem etwas geändert?

Es gibt insgesamt bedeutend mehr Berichte über homosexuelle Menschen. Die Grundgesamtheit ist größer geworden und das ist zu begrüßen. Das kommt aber nicht den Lesben zugute, ihr Anteil an der Berichterstattung hat sich wohl eher noch verringert. Lesbische Frauen in der Mainstream-Presse sind nach wie vor weitgehend unsichtbar. Das hat Auswirkungen auf unsere Identität, unser Verorten in der Gesellschaft, in der politischen Kommunikation. Jungen Lesben im Coming-out fehlen Rollenvorbilder bis auf die wenigen Sportlerinnen oder Filmstars.

Wie erklärst du dir, dass die lesbische Fußballerin relativ reibungslos von den Medien als Berichtsthema akzeptiert wurde?

Ich gehe davon aus, dass der Deutsche Fußballbund das Thema Homosexualität im Profi-Fußball voranbringen wollte. Die Frauenfußballerinnen hatten mehr Mut oder wurden „vorgeschickt“, vielleicht ging man auch davon aus, dass sie einfach nicht so „tief fallen“ können. Das Thema wurde damit medienöffentlich eingeführt und das hat auch einigermaßen geklappt. Mutige Frauen, die sich öffentlich outen, gab es oft schon bevor Männer sich geoutet haben. Nur ihr Outing ging oft historisch unter. Zum Beispiel in der Politik: Vor Wowereit gab es eine Jutta Oesterle-Schwerin, die in den 1980er das Parlament aufmischte mit Anfragen zu Verwendung der Begriffe „schwul“ und „lesbisch“ in den heiligen Hallen.

Lesben sind immer noch relativ unsichtbar. Wie könnte sich das ändern?

Durch beharrliche Arbeit. Das sind dicke Bretter, die wir da bohren. Auch in der Forschung. Es gibt zum Beispiel kaum Erkenntnisse darüber, wie sich diese Unsichtbarkeit, aber auch andere gesellschaftliche Realitäten wie Gesetze, die sich auf Frauen beziehen, im Speziellen auf lesbische Frauen auswirken. Da gibt es für junge Forscherinnen reichlich zu tun. Und es bewegt sich auch was: Ich erlebe jetzt auch, wie die Kategorien, die ich für die Studie entwickelt habe, in wissenschaftlichen Arbeiten von Studentinnen verwendet und weiterentwickelt werden mit neuen Fragestellungen. Ich konnte also etwas anstoßen. Das ist sehr befriedigend.

Entgeht der Gesellschaft nicht auch etwas, wenn sie sich, sei es nun medial oder wissenschaftlich, lesbischen oder auch schwulen Lebensentwürfen verschließt und nichts davon wissen will?

Natürlich. Zum Beispiel könnte man von lesbischen Frauen etwas darüber lernen, dass Geschlechterrollen nicht so starr definiert sein müssen wie in der durchschnittlichen Heterobeziehung. Man könnte von uns lernen, was es bedeutet, wenn zwei Frauen zusammenleben, sich gegenseitig als wertvoll betrachten, wechselseitig ihre Stärken entwickeln helfen. Es gibt ja keinen „Beschützer“ oder „Ernährer“ in lesbischen Beziehungen. Selbst in Regenbogenfamilien teilen sich die beiden Mütter die Hausarbeit und Berufsarbeit meist ziemlich gerecht auf. Heterafrauen und Heteropaare könnten viel von Lesben lernen und manches davon könnte den gesellschaftlichen Umgang der Geschlechter miteinander revolutionieren. Gerade Alleinstehende könnten sich ein Beispiel an den Freundinnen-Netzwerken nehmen, die viele Lesben aufgebaut haben und pflegen.

Reisen spielt für dich eine große Rolle. Inwieweit hat es auch Deinen Blick auf die deutsche gesellschaftliche Realität verändert?

Vor allem, wenn man sehr lange unterwegs ist, über mehrere Monate in kulturell sehr entfernten Ländern wie Asien oder Polynesien relativieren sich unsere deutschen oder besser gesagt westlichen Normen und Prioritäten. Von außen betrachtet sind wir ein mörderische Leistungsgesellschaft in der alles immer schneller und effektiver sein muss, sogar unser persönlichstes Handeln der Logik des Kapitalismus unterworfen ist und nur das Materielle zählt. Unser Reichtum geht einher mit einem Zwang zum Konsum. Die vielen Produkte, die man angeblich alle haben muss – wer braucht schon hundert verschiedene Joghurtsorten? – und unsere Ignoranz gegenüber anderen ärmeren Ländern, was deren Denkweisen und gesellschaftliche Strukturen angeht. Und trotz all dieser Kritik bin ich doch gleichzeitig immer wieder froh, in Deutschland zu leben. Wir haben eine Demokratie, die nicht die schlechteste ist, die Menschenrechten werden einigermaßen geachtet, wir haben die Freiheit, unsere Meinung zu sagen, eine relativ freie Presse und ich kann hier als lesbische Frau auch relativ unbescholten leben. Wir waren in afrikanischen Ländern, in Russland, der Mongolei, China und Indien unterwegs, in Ländern, in denen sich Lesben und Schwule verstecken müssen, keinerlei gesetzlichen Schutz bekommen oder gar bedroht und verfolgt werden. Andererseits haben wir auch Kulturen in Polynesien kennengelernt, die ein drittes Geschlecht kennen, einen Mann, der als Frau lebt, oder eine Frau, die als Mann lebt. Die Begriffe „lesbisch“ oder „schwul“ sind hier zum Teil nicht anwendbar. Und es gibt auch Gesellschaften, von denen man lernen kann, dass die Familie – oder besser gesagt die Kleinfamilie – mit Vater-Mutter-Kind nicht zwangsläufig die „natürliche“ Art des Zusammenlebens ist. In Palau, einem Inselstaat Mikronesiens, haben wir die wichtige Rolle der Mütterbrüder und Mütterschwestern kennengelernt, die als feste gesellschaftliche Rolle für bestimmte Erziehungsfragen zuständig sind und die ausschließliche Machtposition der Eltern relativieren. In Tibet gibt es die Brüderehe, die Ehe einer Frau mit mehreren Brüdern. Darüber schreibe ich auch in meinem neuen Buch „Berge, Bön und Buttertee. Reise ins Tibet der Frauen“, das demnächst im Ulrike Helmer Verlag herauskommt. Also unsere Sichtweise der Geschlechter, unsere Vorstellungen von Normalität und Arten des Zusammenlebens sind nur eine mögliche Art und Weise.

Wie, glaubst du, werden LGBTI*s in zwanzig oder dreißig Jahren in unserer Gesellschaft dastehen, und was wäre diesbezüglich dein Ideal?

Natürlich wünsche ich mir mehr Sichtbarkeit und mehr gesellschaftliche Anerkennung. Dass Lesben, Schwule, Biisexuelle und Transgender gut leben können, dass das gesellschaftliche Wissen über alle Geschlechter zunimmt und nicht nur die Toleranz, sondern auch die Akzeptanz. Letztendlich wünsche ich mir auch, dass die engen Geschlechterrollen von heterosexuelle Männern und Frauen erweitert und flexibler werden. Doch was sehe ich als realistisch an? Ich habe durch das Buch und vor allem durch die Vorträge darüber gelernt, dass die Szene wichtig ist, aber auch wir noch viel übereinander, Schwule von Lesben, Lesben von Schwulen usw., lernen können und hoffentlich in zwanzig Jahren gelernt haben. Wir dürfen nicht vergessen, es gibt viele LGBTI*s, die völlig außerhalb jeder Szene leben oder nur ganz begrenzt daran teilhaben. Szene und Leben außerhalb der Szene wird es vermutlich immer geben. Jede und jeder versteht zudem etwas anderes darüber, wenn er oder sie von Szene spricht. Zudem gibt es verschiedene Subszenen, Kneipen oder soziale Einrichtungen, gemischte Vereine oder reine Lesben oder Schwulenvereine ...  
Das Internet hat vieles erleichtert, aber man sollte diese Entwicklung nicht überschätzen – der entscheidende Schritt ist immer noch der von der virtuellen Realität in die reale, und der ist durchs Internet ja nicht weggefallen, nur die Kommunikation ist heute einfacher für die, die mit den Medien umgehen können. Wir LGBTI*s könnten etwas mehr Selbstbewusstsein gut vertragen. Ich finde es merkwürdig, wenn Leute behaupten, eine Szene wäre nicht nötig oder sich dagegen abgrenzen. Unsere Szene ist nicht irgendwie defizitär, sondern ein Ort, wo wir uns als Menschen mit einer besonderen Interessenkonstellation mit anderen, gleichgesinnten Menschen treffen. Das tun ja auch Angler, Christen oder Briefmarkensammler. Warum sollten wir das nicht tun? Die Szene ist ein Platz, wo man seine Freundinnen oder Freunde trifft, und für viele eine Art soziale Heimat. Und die sollten wir behalten.

Foto: privat.

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