Alltägliche Heldinnen!

Mai 2014

Interview mit
Philipp Gufler

"Es gibt keine Mehrheitsgesellschaft"

 

Philipp Gufler (www.philippgufler.de), 24, ist ein junger Münchner Künstler, der sich intensiv mit den Themen sexuelle Identität und Queer als einer politischen Bewegung auseinandersetzt. Im Februar 2014 wurde er von der Akademie der Bildenden Künste (AdBK) in München für seine Arbeit „Projektionen auf die Krise (Gauweilereien in München)“ als einer von acht Absolventen des Jahrgangs 2014 geehrt. Die Videoinstallation und der dazu gehörende Katalog reflektierte die Münchner AIDS-Politik unter Gauweiler, dessen Maßnahmenkatalog und dem damaligen bayerischen Kultusminister Zehetmaier in den 80er Jahren.

Philipp, wie kommt es, dass du dich dazu entschieden hast, Themen rund um die sexuelle und Geschlechteridentität aufzugreifen und ästhetisch zu verarbeiten?

Ich bin während meines Studiums hier in München als Erasmus-Student nach Amsterdam gegangen und habe dort an einem Seminar zu queerer Literatur und Identität teilgenommen. Wir haben uns dort mit den Bereichen beschäftigt, die zwischen binären geschlechtlichen Identitäten stehen, und auch viel feministische Literatur gelesen. Als ich 2008 an die Münchner Akademie kam, wurde gerade der Bologna-Prozess* in Deutschland eingeführt, was dann durch die Studierendeproteste 2009 dazu führte, dass eine Gruppe von Studierenden an der Akademie den selbst organisieren Raum Salong gründeten und dort Vorträge und Arbeitsbesprechungen veranstalteten. Wir haben uns beispielsweise damit beschäftigt, was der Bologna-Prozess und der wachsende ökonomische Einfluss an den Hochschulen wirklich bedeutet. Wir haben auch ReferentInnen eingeladen, beispielsweise die amerikanische Künstlerin Catherine Opie oder Zoe Leonard, die zu Act Up gehörte. Im Salong haben wir auch feministische Filmfestivals mit der Non-Profit-Organisation Cinenova organisiert. Diese Aktivitäten haben mir gezeigt, dass es nötig ist, immer wieder neue Räume aufzumachen, wenn man Neues durchdenken und entwickeln will. Nur so entstehen letztlich auch aus marginalisierten Bereichen der Gesellschaft kritische Aktivitäten.

Was hat dich zu deiner Arbeit über die Gauweiler-Jahre inspiriert?

Ich bin nicht so sehr mit der Münchner Szene verwachsen. In München arbeiteten in den 80ern noch Lesben- und Schwulenszene nicht zusammen, es gab noch viel Separatismus. Gleichzeitig bildete sich in den USA bereits unter dem Druck der AIDS-Krise der queere Widerstand gegen duale Zuschreibungen, man suchte andere, nicht so strikt definierte Formen von gesellschaftlichem Zusammenleben. Mit diesem Ansatz und KünstlerInnengruppen wie Group Material und Gran Fury hatte ich mich zuvor viel beschäftigt. Davon inspiriert und weil ich nun mal in München wohne, wollte ich aus der gegenwärtigen Situation heraus erforschen, wie man in München damals mit dem Thema Sex und AIDS umgegangen ist, und konnte dafür in den Archiven des forum homosexualität münchen e.V. – Lesben und Schwule in Geschichte und Kultur – recherchieren.

Deine Arbeit besteht in einer abgefilmten virtuellen Ausstellung, die auch Zeitzeugeninterviews mit prominenten Vertretern der damaligen politischen Schwulenbewegung umfasst, beispielsweise mit Guido Vael.

Ja, mir kam es darauf an, genau anzusehen, wie das Denken und das Handeln damals funktioniert haben, und das in eine ästhetische Form mit einem eigenen künstlerischen Ausdruck zu transformieren. Dabei ist mir klar geworden, dass, verglichen mit Leuten wie Guido Vael, der damals zu den führenden Personen im Widerstand gegen die CSU-AIDS-Politik gehörte, die Szene heute extrem angepasst agiert. Es hat eine große Entpolitisierung stattgefunden. Um das zu erkennen, muss man nur einmal die aktuellen Szene-Medien wie Leo oder Blu mit den Kellerjournal, einer schwulen Zeitschrift, die damals der VSG (Verein für Sexuelle Gleichberechtigung) herausgab, vergleichen. Es gab damals viele lesbische und schwule Gruppen, auch eine ausgeprägte feministische Diskussion in selbstbestimmten und  kollektiv geschaffenen Räumen, auch wenn sich die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen, Räumen oder Bestrebungen noch stark sexuell definierte. Heute sind an deren Stelle staatlich oder städtisch finanzierte Projekte getreten.

Liegt das nicht auch daran, dass die homosexuelle Minderheit heute viel mehr Rechte haben?

Das ist richtig. Wir haben mehr Rechte, und deshalb gibt es weniger Protest. Die Haltungen sind, oberflächlich betrachtet, auf beiden Seiten weniger polarisiert. Beispielsweise ist ja mein Kunstprojekt von der Münchner Kunstakademie ausgezeichnet worden, obwohl mit Hans Zehetmaier aus der CSU einer der Akteure der AIDS-Politik in den Achtzigern Ehrenmitglied an der AdBK ist. Allerdings glaube ich, dass viel von der Anerkennung, die wir heute oberflächlich erfahren, lediglich der Versuch ist, politisch korrekt zu sein: Man spricht seine Vorurteile nicht mehr offen an.

Gilt das auch in der Kunstszene?

Ich bewege mich in der Kunstszene seit 2008. Und tatsächlich erscheint sie von außen sehr liberal. Man provoziert nicht, wenn man sich mit Themen wie geschlechtlicher Identität aus einer queeren Perspektive beschäftigt. Trotzdem gibt es eher selten Anerkennung für solche Arbeiten, vor allem, wenn sie politisch sind. Die meisten Professoren an der Akademie sind noch sehr patriarchal. Da wird man dann in eine Kiste gestopft: „Ach, das ist der schwule Gufler, der diese AIDS-Sache gemacht hat.“ Damit hat es sich. Dabei geht es mir um mehr, ich will die Norm als Konstruktionsmerkmal des Gesellschaftlichen ganz generell destabilisieren.

Welche Norm in diesem Fall?

Im Grunde gehen noch viele nach wie vor von der Norm der bürgerlichen Kleinfamilie aus. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass die von Teilen der Szene produzierte Glitzer-Homo-Fassade, die es etwa auf den CSDs zu besichtigen gibt, mit wirklicher Emanzipation verwechselt wird. Dabei ist das nur noch Lifestyle mit hoher Konsumorientierung. Ich sehe aber Homosexualität in der Kunst nicht nur als ästhetisches Thema, sondern ich will mich auch immer an die Diskussionen der politischen Lesben- und Schwulenbewegung anbinden, Form und Inhalt nicht getrennt voneinander begreifen. Andererseits reicht es mir auch nicht wenn man politische Aktivitäten einfach ausstellt. Als Künstler finde ich, dass ich sie künstlerisch durchdringen und ästhetisch gestalten muss.

Was würde wirkliche Emanzipation für dich bedeuten?

Nicht von Norm aus zu denken! Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft nicht als Maßstab zu nehmen. Es gibt keine Mehrheitsgesellschaft. Es gibt verschiedene Kategorien, durch die sich Identitäten konstituieren, und Sexualität ist nur eine davon, an denen entlang sich gesellschaftliche Konflikte entwickeln, beispielsweise Hautfarbe, soziale Schicht, Glaube oder ethnische Herkunft. Das führt dann vielleicht zu einer Weiterentwicklung. Und diese Kategorien mischen sich im Individuum, deshalb bringt es nichts, sexuelle Freiheit isoliert zu betrachten. Es geht immer um vielfältige Solidarisierungen. Die passierten 1987 etwa zusammen mit der Anti-Strauß-Politik, mit der Kapitalismuskritik, mit Feministinnen, der Linken im Allgemeinen gegen den Maßnahmenkatalog von Gauweiler.
Sehr inspiriert haben mich hier die Ideen von Bini Adamczak**, die aus der queeren Lesbenszene Berlins kommt, über polysexuelle Ökonomie. Sie wendet im Grunde marxistische Theorie auf die queere Szene an. Kerstin Stakemeier und ich haben uns in einem Seminar „Eingeschlossen in München. Erzählungen Nicht-Heterosexueller Leben“ im Haus der Kunst während des „Festivals of Independents“ damit beschäftigt.

Was ist gegen Integration aus deiner Sicht einzuwenden?

Natürlich ist Integration, beispielsweise hinsichtlich bestimmter Rechte, die wir nun haben, für den Einzelnen gegebenenfalls wirklich nützlich. Aber letztlich bleibt dabei das Eigene, das uns ausmacht oder ausmachen könnte, auf der Strecke. Es ist ein bisschen, wie über feministische Themen heute in der Tagespresse berichtet wird: Ist schon alles gut, wenn wir es geschafft haben, dass auf 50 Prozent der Chefsessel Frauen sitzen? Ich glaube nicht, mal abgesehen davon, dass wir von diesem Ziel meilenweit entfernt sind.

Was ist für dich das Eigene, von dem du eben sprachst?

Ich mache das immer an bestimmten Personen fest, mit denen ich mich im Lauf meiner Arbeit intensiv beschäftigt habe. Leute wie Jean Genet oder der Ethnologe und Schriftsteller Hubert Fichte mit seinem Romanzyklus „Geschichte der Empfindlichkeit“. Bei Genet ging es darum, immer außerhalb stehen zu wollen, wie er zum Beispiel in einem Interview sagt, „Denn wenn ich ehrlich bin, liegt mir gar nichts daran, dass eine Revolution stattfindet. Die aktuelle Situation, die augenblicklichen Regime erlauben mir die Revolte. Die Revolution würde mir wahrscheinlich keine individuelle Revolte gestatten.“ Fichte erkannte durch seine ethnologische Arbeit, die er mit autobiografischen Berichten in seinen Texten verband, zu begreifen und auch zu vermitteln, Fragilität in Bezug auf seine eigene individuelle Identität zu fordern. Auch mit dem Münchner Anarchisten Peter Schult habe ich mich beschäftigt. Er hat sicher, dem damaligen Zeitgeist der emanzipatorischen Bewegung entsprechend, mit sexuellen Beziehungen zu Jungendlichen Dinge getan und öffentlich gefordert, die heute als indiskutabel gelten. Aber auf einer anderen Ebene war er als politische Person sehr radikal, hat sich nicht vereinnahmen lassen und sich nicht angepasst. Zudem wurde er im Gefängnis, wo er wegen Pädophilie einsaß, schlechter behandelt als andere Gefangene, was wiederum zeigt, wie mit nonkonformistischen Menschen umgegangen wird.

Konsequentes Einzelgängertum als Strategie? Was heißt das dann für die Szene?

Nein, so nun nicht. Ich denke, es geht eher darum, sich von der Vereinnahmung durch eine Form von Bürgerlichkeit abzugrenzen, zum Beispiel gegen die heute übliche Vereinzelung. Wir müssen uns wieder stärker organisieren, Kollektive bilden und Solidarität mit andern Gruppen suchen, wir müssen uns wieder politisieren. Wir brauchen auch ein kritisches Geschichtsbewusstsein. Sonst wird bald vollkommen vergessen, dass es in diesem Land bis vor Kurzem den Paragraph 175 gegeben hat – ganz abgesehen davon, was jeden Tag in Russland, der Ukraine und in Uganda geschieht und sogar hier vor der Tür. Wie Debatten rund um Homosexualität heute in der Politik und Presse diskutierter werden, belegt doch, dass sich unter der Oberfläche noch nicht viel geändert hat. Oder man denke nur an Intersexuelle, die noch heute darum kämpfen, in ihrer Identität anerkannt zu werden.

Wie sähe deine Wunsch-Szene aus?

Ich denke, die Menschen im Allgemeinen und natürlich auch nicht-heterosexuelle Menschen sollten wieder offener für Solidarisierung und Gemeinsamkeit, fürs Kollektive sein und mehr Verantwortung füreinander übernehmen. Wir sollten uns nicht nur in Zweierbeziehungen einmauern, sondern offen für neue Formen von Freundschaften mit anderen sein, die Elemente von wechselseitiger Verantwortung umfassen.

*Der Bologna-Prozess ist der europaweite Versuch, Studienleistungen und -abschlüsse durch weitgehende Standardisierung, aufeinander aufbauende Bachelor- und Master-Abschlüsse, ein Credit-System zur Bewertung des Studienfortschritts und andere Maßnahmen vergleichbar zu machen, um die Voraussetzung für mehr Mobilität von Studenten in Europa zu fördern. Die Auswirkungen der Reform sind umstritten; dass er den zeitlichen Druck auf die Studierenden immens erhöht hat, ist allerdings einhellige Meinung.

**http://copyriot.com/diskus/06-1/theorie_der_polysexuellen_oekonomie.htm

Foto: privat.

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