Alltägliche HeldInnen!

MÄrz 2015

Interview mit
Saideh Saadat-Lendle

 

Saideh Saadat-Lendle, eins von vier Kindern einer iranischen Familie, ging im Iran in den Untergrund und beantragte 1985 politisches Asyl in Deutschland. Heute leitet sie den Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V. - LesMigraS, eines der wenigen Lesben-, Bi- und Trans*Projekte bundesweit, das sich speziell an lesbische, bisexuelle und Trans* Migrantinnen und Schwarze Lesben, Bisexuelle und Trans* wendet. Ein Gespräch über politisches Engagement, Privilegien, Migration und Menschenrechte.

Saideh, du hast im Iran mehrere Jahre im Untergrund gelebt. Wie kam es dazu und was bedeutete das?

Ich komme aus einer Mittelschichtfamilie, die in der Nähe Teherans (Hauptstadt des Iran, Anm. d. Aut.) lebte. Ich war eins von vier Geschwistern, und meine Eltern waren unpolitisch. Politisiert wurde ich durch die Studentenbewegung. Ich studierte Mathe und Chemie und gehörte einer linken Partei an, sie hieß auf Deutsch etwa „Der Weg der Arbeiter“. Die Unis waren zu dieser Zeit sehr politisch, dort war ich politisch aktiv. Um die Unis unter Kontrolle zu halten, hat die iranische Regierung sie im Jahre 1980  geschlossen. Das hat viele von uns eher radikalisiert bzw. von der Notwendigkeit unserer politischen Aktivitäten überzeugt.  Viele von uns politisch aktiven Student_innen sind dann 1980 zusammengekommen, haben Wohnungen gemietet oder Studentenwohnheime besetzt.  Wir haben Tag und Nacht mit Menschen auf den Straßen, auf Veranstaltungen oder an geheimen Orten diskutiert, um andere zu überzeugen, sich politisch gegen die islamische Regierung zu organisieren.  Ich wurde 1981 offiziell aus der Universität verwiesen. Wir sind 1981 in den Untergrund gegangen. Viele meiner Freunde wurden in diesen Jahren verschleppt, ermordet oder gefoltert. Wir wollten ihren Weg weitergehen. Wir waren überzeugt davon, dass wir etwas verändern konnten. Wir wussten, dass viele gegen die Regierung waren und glaubten, dass sie auch bereit wären, etwas dagegen zu tun. Zweimal wurde ich zuvor verhaftet, die Polizei hatte aber zu dieser Zeit noch keine zentrale Informationsstelle und aus diesem Grund keine Informationen über mich. Sie haben mich deshalb immer wieder laufen lassen. Danach lebte ich vier Jahre lang ständig an wechselnden Orten und unter unterschiedlichen Namen.

Wie hat deine Partei ihre politische Arbeit im Untergrund geführt?

Wir organisierten uns dezentral, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Mein Komitee bestand aus zehn bis fünfzehn Personen, die zwar anderswo Geld verdienten, aber im Grunde ihre politische Aktivität als Beruf betrachteten. Ich habe mit einem Parteifreund so ein Komitee geleitet.  Wir hatten Kontakt zu Aktivistinnen in den Fabriken und haben auch viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht, zum Beispiel Flyer gestaltet. Wir nannten unsere Flugblätter Nachtflyer und verteilten sie spät abends in armen Stadtvierteln, überwiegend Arbeitervierteln. Darin berichteten wir über all den Widerstand im Land, über den man sonst nichts erfuhr.

Wie kam es zu deiner Flucht nach Deutschland?

Meine Partei schickte bei Verhaftungsgefahr Aktivist_innen außer Landes. Zum einen, um eine Festnahme zu verhindern, zum anderen damit Leute, die viel wussten, nicht Gefahr liefen, bei einer Festnahme unter Druck bzw. Folter Informationen preiszugeben, die andere gefährdet hätten. Mich betreffend galten beide Befürchtungen zum Zeitpunkt meiner Flucht. Es wurden Menschen festgenommen, zu denen Personen aus meinem Komitee Kontakt hatten. Ich musste innerhalb von zwei Tagen das Land verlassen. Ich ging zuerst in die Türkei und blieb dort anderthalb Monate, um abzuwarten. In dieser Zeit wurde noch eine Person verhaftet. Daraufhin wurde von meiner Partei  entschieden, dass ich nicht mehr zurück sollte. Ich bin dann weiter nach Deutschland geflüchtet. Wegen dem Iran/Irak-Krieg hatten wir Iraner_innen im deutschen Exil die Hoffnung, das Regime im Iran werde zerschlagen werden und dadurch seine Legimitation unter der Bevölkerung verlieren. Wir hofften, das werde die Situation im Land ändern und wir würden zurückgehen können. Deshalb habe ich zunächst nur eine Duldung beantragt. In dieser Zeit unterstützte ich meine Leute im Iran mit Geld und Informationen. Nach Beendigung des Krieges entpuppte sich diese Hoffnung als Irrtum – das System stabilisierte sich sogar. Nachdem ich bereits vier Jahre in Hannover gelebt hatte, habe ich schließlich politisches Asyl beantragt.

Kanntest du damals andere Frauen in deiner Situation?

Bis zu meinem Asylantrag war ich nicht mit der iranischen Frauenbewegung oder iranischen Frauen außerhalb meiner Partei in Kontakt. Das änderte sich dann. Ich nahm Kontakt mit anderen iranischen Frauen in Hannover und ganz Deutschland auf. In Hannover haben wir uns jede Woche getroffen. Deutschlandweit haben wir uns zu Beginn mehrere Male im Jahr getroffen.  Es gab zu dieser Zeit zwei deutschlandweite iranische Frauengruppen, wovon ich mich zu einer, die zur iranischen Regierung politisch positioniert war, zugehörig fühlte. Wir stellten fest, dass viele iranische Frauen in Deutschland große Informationsdefizite hatten. Viele wussten kaum etwas über Deutschland: Welche Rechte und Möglichkeiten man hier hat, wie die Gesellschaft funktioniert, wie sich iranische Frauen zu Hause und in der Gesellschaft emanzipieren können, was die Frauenbewegung in Deutschland macht und wie wir zusammenarbeiten können. Ich habe damals versucht,  ein Informationsnetzwerk zu gründen, um über solche Themen zu recherchieren. Der einzige Verein, den wir damals kannten, war allerdings nicht bereit, uns Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Also haben es manche von uns nur geschafft, neben ihren Aktivitäten in den iranischen Frauengruppen und ehrenamtlicher Unterstützung einzelner Asylsuchender Iraner_innen, theoretische Bücher zur iranischen, deutschen und internationalen Frauenbewegungen zu verfassen. Breitere und umfassendere Aktivitäten und Veröffentlichungen, die unser Leben hier erleichtern und eine Emanzipation in Familie und Gesellschaft ermöglichen helfen würden, sind außen vor geblieben.

Wie ging es beruflich für dich weiter?

Zunächst lebte ich vom Sozialamt. Meine Idee war es, beim Sozialamt zu bleiben und in den Bereichen, die vom Staat nicht finanziert werden, ehrenamtlich zu arbeiten. Wie im Bereich Asyl und in einigen Frauenbereichen. Als ich den Asylantrag stellte, hatte ich dann die Idee, doch zu studieren. Es gab da ein einjähriges Kolleg, mit dem man die Studienreife erlangen konnte – ich bekam eine Zulassung für Elektrotechnik. Damals war ich 32 Jahre alt. Als die USA im Rahmen des zweiten Golfkriegs Kuwait angriffen, demonstrierte ich mit den Frauen aus der deutschen antifaschistischen Frauenbewegung zusammen und habe mich ihnen dann angeschlossen. Dadurch habe ich zum ersten Mal viele deutsche lesbische Frauen kennengelernt.  Sie waren politisch, lebendig und leidenschaftlich. Das fand ich genial. Kurz darauf hatte ich mein Coming-out.

Wie vertrug sich das mit deinem Engagement in der Partei? Oder warst du nicht mehr dabei?

Ich war eine der Sprecher_innen meiner Partei in der Stadt und war dadurch sehr viel in der Öffentlichkeit. Sie hatten große Probleme mit meinem Lesbischsein. Deshalb bin ich ausgetreten und anschließend nach Berlin gegangen. Hier habe ich begonnen, mit antifaschistisch aktiven  Frauen und Lesben, unter denen auch viele iranische Frauen aktiv waren, zusammenzuarbeiten und Psychologie zu studieren.

Wie kam es zum Abschied von den Naturwissenschaften?

Bisher hatte ich mich beruflich vor allem mit Technik beschäftigt, aber jetzt wollte ich verstehen, wie Menschen funktionieren, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Anfangs studierte ich ein Semester Psychologie und Elektrotechnik parallel, aber dann war mir klar, ich würde mich für Menschen, d.h. für Psychologie entscheiden, zumal in Berlin kritische Psychologie gelehrt wurde.

Wie bist du zur Lesbenberatung gekommen?

Ende meines Studiums kannte ich viele Frauen in Berlin, die lesbisch lebten. Anfang Sommer 1997 habe ich zufällig in einer Bahnstation, als ich gerade nach Frankreich verreisen wollte, eine lesbische Freundin getroffen, die mir  Bescheid gesagt hat, dass die Berliner Lesbenberatung eine Honorarkraft suchte. Ich habe gleich im Zug ein Blatt Papier und einen Stift geliehen, handschriftlich eine Bewerbung geschrieben und beim nächsten Umsteigen in die Post geworfen. So habe ich angefangen, in der Lesbenberatung als Beraterin für zehn Stunden in der Woche zu arbeiten. Parallel hatte ich einen Teilzeitjob in einer Jugendbildungsstätte und einen dritten im Mädchenhaus, alles auf Honorarbasis.

Wann und wodurch hast du das Migrationsthema beruflich aufgegriffen?

Das fing 1998 in der Lesbenberatung an. Wir beschäftigten uns mit der Frage, warum so selten Lesben und bisexuelle Frauen mit einer Migrationsgeschichte bzw. schwarze Lesben und Bisexuelle unsere Beratungsstelle aufsuchen. Ob das daran lag, dass ihre Bedürfnisse und unsere Angebote sehr auseinandergingen und damit, wie sie Homophobie und Rassismus  aufarbeiten, mit dem sie alltäglich konfrontiert werden. Ebenso haben wir uns gefragt, ob wir sensibel genug waren, Rassismus und weißen Privilegien gegenüber und  einen entsprechend geschützten Raum anbieten konnten. Daraus ist am Ende LesMigraS entstanden, ein Arbeitsbereich, der sich von Anfang an mit der Mehrfachdiskriminierung von lesbischen und bisexuellen Frauen mit Migrationsgeschichten, von schwarzen Lesben und Bisexuellen befassen wollte, weil hier Handlungsbedarf gesehen wurde. Später haben wir die Bekämpfung von Trans* und Inter*Diskriminierungen in unsere Arbeit inkludiert. Es ging um die Beschäftigung damit, wie Mehrfachdiskriminierungen ausgeübt und erlebt werden, was wir dagegen tun können, welche antirassistischen Maßnahmen sinnvoll wären und wie wir als Verein wirklich alle ansprechen können. Seit 1999 bin ich immer tiefer in dieses Thema eingestiegen.

Welche Arten von Benachteiligung beobachtest du bei lesbischen Migrantinnen? Was hast du selbst als lesbische Migrantin mitbekommen?

Zunächst muss ich sagen, dass ich hier nicht in erster Linie von mir selbst spreche. Ich bin aufgrund meiner Bildungsvoraussetzungen und meiner ganzen Vorgeschichte gegenüber vielen Menschen mit Migrationsgeschichte privilegiert. Ich habe Rassismus in den ersten 27 Jahren meines Lebens nicht erlebt. In diesen Jahren habe ich nie negative Reaktionen auf meine Person erlebt. Ich habe schon im Iran studiert. Meine Familie hat nicht schlecht verdient. Schon dort habe ich aufgrund meiner politischen Aktivitäten viel von deutscher Geschichte, von Rosa Luxemburg oder deutschen Philosophen gehört. Ich konnte deswegen schnell viele Kontakte, beispielsweise innerhalb der deutschen Frauenbewegung aufnehmen. Und ich kann deswegen viel besser mit Verachtung aufgrund meiner Hautfarbe umgehen. Ich weiß, dass das nichts mit mir zu tun hat. Ich brauche mir gar nicht erst bewusst zu machen, dass das mit mir nichts zu tun hat, es ist eine Selbstverständlichkeit. Das sind ja meine Privilegien, meiner Herkunft, meiner Vorgeschichte. Daher komme ich persönlich recht gut durch. Zudem arbeite ich in einem Verein mit einer wohlwollenden Kultur und bin persönlich gut eingebunden. Ich kenne viele andere, auch sehr engagierte Leute, die es erheblich schwerer hatten und haben. Dadurch, dass ich Diversity-Trainerin bin, komme ich auch oft in Kontakt mit vielen weißen deutschstämmigen Leuten, die der Meinung sind, dass man Migrant_innen zwar braucht, aber nur, wenn und solange sie etwas nutzen. Das ist sehr verbreitet. Dabei ist es genau umgekehrt: Man muss den Menschen eine Chance geben, sich zu entfalten. Letztendlich steht unser Reichtum hier in direktem Zusammenhang mit der Armut vieler anderer Menschen auf unserer Erde, unser Frieden hier ist nicht zu trennen von vielen der Kriege anderswo. Mir fehlt hierzulande vor allem ein Solidaritätsgefühl. Niemand will irgendwas abgeben, damit es allen gut geht. Man will sich nicht mit den eigenen Privilegien befassen und damit, warum man sie hat, etwa aus historischen Gründen wie dem Kolonialismus. Es geht nur um das eigene Wohlgehen, egal um welchen Preis. Menschen auf der Flucht und Migrant_innen werden eher negativ betrachtet. Dabei geht es nicht um den Nutzen, sondern um den Anspruch eines jeden Menschen auf Menschenrechte, Vielfalt und Demokratie.

Gilt das auch für die Szene?

Leider ja. In lesbischen und Trans* oder noch schlimmer in schwulen Gruppen und Zusammenhängen gibt es meist wenig wirkliche Auseinandersetzungen mit kolonialen Klischees und deren Zusammenhang mit heutigen Bildern von Weißen, Deutschen, von Migrant_innen und Schwarzen. LSBTI* haben sehr wenige Ansätze zu partizipativer Arbeit mit Leuten mit Rassismuserfahrungen und Menschen, die von Armut bzw. Behinderungen betroffen sind und wenig Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien.

Was heißt das?

Zum Beispiel gibt es auch in LGBTI*-Projekten überwiegend weiße Berater_innen. Da gibt es nur die Möglichkeit, dass eine weiße Beraterin eine schwarze oder jüdische Frau mit Rassismus- bzw. Antisemitismus-Erfahrungen berät. Das Umgekehrte gibt es sehr selten. Das ist ein schräges Bild von weißen Beratungsgebenden und schwarzen oder jüdischen Hilfesuchenden, das durch eine unkritische Personalpolitik aufrecht erhalten bleibt. Das erschwert vielen Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, den Weg zum Unterstützungs- und Vernetzungssystem. Die meisten Berater_innen positionieren sich zudem nicht klar gegen Rassismus; Menschen mit Rassismuserfahrung haben dann das Gefühl, sich und ihre Herkunftscommunities auch noch erklären zu müssen und fühlen sich deshalb ausgeschlossen. Sie können einfach nicht voraussetzen, dass sich die Beratungsinstitution im Vorfeld mit dem Thema beschäftigt hat. Es fehlen also schwarze und jüdische Berater_innen und Berater_innen unterschiedlicher Herkunft. Genauso ist es in Bezug auf Behinderung und Klassismus. Die Personalpolitik sollte aber LSBTI* mit Rassismuserfahrungen, mit Erfahrung mit Behinderung und Armut berücksichtigen. Stattdessen glauben immer noch viele, dass diese Themen sie nichts angehen. Im Bereich Antirassismus kommt dazu: Wenn, wie jetzt in Paris, Fundamentalist_innen Gewalt anwenden, wird das leicht auf alle Migrant_innen geschoben. Es wird nicht gesehen, dass sich viele Migrant_innen sehr kritisch mit fundamentalistischen Strömungen auseinandersetzen und sie seit Jahrzehnten mit allen Mitteln bekämpfen. Während zeitgleich der Westen Geld verdient, indem er Waffen in diese Regionen liefert und wirtschaftliche Beziehungen mit den dortigen Diktatoren unterhält. Rassismus und Islamophobie ist Wasser auf die fundamentalistischen Mühlen, die wollen ja die Spaltung.

Trotz dieser eher ernüchternden Feststellung: Hat es Fortschritte gegeben?

Doch, ja. Vor 15, 16 Jahren wollte niemand den Bereich Mehrfachdiskriminierug von LGBT*I*Q unterstützen, in Berlin wurden wir mit unseren Ideen und Anträgen von einem Amt zum anderen geschickt. Es wurde nicht gesehen, dass man in so ein Thema erst investieren muss, um zu sensibilisieren und zu empowern und dann erst später Ergebnisse zu sehen sind. Heute gibt es in Deutschland ADS (Antidiskriminierungsstelle des Bundes) und in Berlin die LADS (Landes-Antidiskriminierungsstelle), die bereit sind, sich mit Mehrfachdiskriminierung auseinanderzusetzen und auch in die entsprechenden Strukturen zu gehen, um Kontakte aufzubauen. Allerdings gibt es auf der politischen Ebene noch immer viele kritische Momente. Wenn queerpolitische Sprecher_inen von Parteien, sogar die Grünen, auf Podien sitzen, kommt es häufig zur Polarisierung zwischen ihnen, als so genannten Deutschen, und anderen als so genannten Migrant_innen. Trotzdem: Unsere Arbeit bei LesMigraS wird inzwischen anerkannt und wir haben drei Teilzeitstellen. So ist die Finanzierung seit 2006 durch die Landesantidiskriminierungsstelle gesichert. Fortschritte gab es übrigens auch besonders bei Migrant_innen-Selbstorganisationen. Sie fordern, dass Politik und Verwaltung für Arbeit wie Sensibilisierung und Empowerment interkultureller Zusammenhänge, die bisher hauptsächlich ehrenamtlich durchgeführt worden ist, mehr investiert.  So eine Investition brauchen wir, um die Gesellschaft zu verändern. Zum Beispiel unter den iranischen Frauen. Als ich mein Coming-out hatte, löste das erhebliche Irritation aus; die Frauengruppe, mit der ich damals zusammenarbeitete, teilte sich sogar. Heute gibt es viele offen lebende Lesben und Schwule mit iranischem Hintergrund. Und wir bekommen für unsere Aktivitäten viel Anerkennung auch aus der linken iranischen Szene. Das hat mit 20 Jahren unermüdlicher ehrenamtlicher Auseinandersetzung und dem Engagement vieler feministisch-iranischer Aktivist_innen zu tun. Solch ähnliches gesellschaftliches Engagement in interkulturellen Zusammenhängen sollte anerkannt und honoriert werden. Es lohnt sich also zu investieren.

Welche Vorteile winken, wenn man sich mit Rassismus auseinandersetzt?

Der wichtigste Gewinn, wenn man seine eigene Dominanzposition in Frage stellt, ist Vielfalt. Es gibt so viele unterschiedliche und mehrdimensionale Aspekte, Erfahrungen und Anregungen, wenn ein System den unterschiedlichen Positionen Raum gibt. Man erkennt dann erst, wie vielfältig das vorhandene Wissen ist und wie viel Engagement zusammenkommt und sich gegenseitig befruchtet. Das ist aufregend und beglückend, weil wir dadurch komplexere Zusammenhänge besser verstehen können, statt so zu tun, als ob alles so klar und polar wäre und der Schlüssel zum Wissen in unseren dominanten Händen läge. Es verhindert auch Spaltung und Kampf untereinander und erhöht die Solidarität. Man muss dafür nur allen ermöglichen, sich einzubringen, Privilegien bzw. Dominanzansprüche abgeben, sensibel, kritik- und konfliktfähig werden. Natürlich gibt es Konflikte und Verunsicherung, und solche Konflikte anzugehen, ist vielen zu anstrengend. Das Thema ist aber nicht nur eins von Migrant_nnen. Es gibt auch andere Codes wie Optik, Kleidung oder Sprache, die Leute ausschließen, die aus weniger privilegierten Schichten kommen.

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Es liegt daran, selbstüberzeugt und unkritisch zu sein und die einfachsten und bekanntesten Wege zu suchen. Zum Beispiel einfach daran, wie Kontaktnetze funktionieren. In unserem Projekt waren zum Beispiel, als ich dazu stieß, alle Mitarbeiterinnen weiß und hatten einen akademischen Hintergrund. Sie kannten wieder vor allem weiße Akademikerinnen, und wenn eine Stelle frei wurde, dann sind diese Bekannten natürlich einfacher nachgerückt als andere. Also mussten wir gezielte Anstrengungen unternehmen, um das zu ändern und auch andere Aspekte in unseren Mitarbeiter_innenpool zu holen. Wir haben das geschafft und haben heute eine andere Zusammensetzung. In so einer Arbeit müssen wir viel geduldiger sein und allen gleichberechtigt Raum geben. Nicht die Einzelpersonen sind dabei wichtig und Wegweiser_innen, sondern alle im Team. Alle müssen gehört und berücksichtigt werden. Das ist machbar und gar nicht so schwer, wenn wir unser Ego zurückhalten.

Wie sollten deiner Meinung nach die Szene und die Gesellschaft in zwei, drei Jahrzehnten aussehen?

Ich denke bei meinen Visionen vor allem an den Bildungsbereich. Ich wünsche mir, dass in den Bildungsmaterialien verschiedene Lebensweisen und Zugehörigkeiten ganz selbstverständlich vorkommen. Menschen sollten befähigt werden, also lernen, mehrdimensional zu denken, sich also in den unterschiedlichen Rollen und Identitäten sehen, die sie  in einer Gesellschaft einnehmen, etwa als lesbische Mutter, als Ingenieur_in mit Migrationsgeschichte, als schwarze_r deutsche_r Sprachwissenschaftler_in, als Informatiker_in  mit einer  Behinderung, als alleinerziehende Frau in der Chef_innenetage einer Firma, eines Unternehmens  und so weiter. Ich wünsche mir außerdem, dass sich die Menschen insgesamt für Menschenrechte und gegen alle Formen von Diskriminierung einsetzen; sich gegen Ungerechtigkeit engagieren, mit weniger Materiellem und Privilegien glücklich sind und sich miteinander solidarisieren. Dafür bräuchten wir Politiker_innen, die Vorbilder sind und entsprechende Stimmungen und Haltungen verkörpern. Politiker_innen, die nicht nur an die reichen und mittelreichen Deutschen denken, sondern an die Menschlichkeit an sich.

*1979 hatte Ruholla Chomainie im Rahmen der Islamischen Revolution die islamische Republik, ein auf dem Islam basierendes, stark religiös orientiertes Staatswesen ausgerufen und sich vom Westen abgewandt. In der Folge wurden politisch Andersdenkende verfolgt und drakonische Strafgesetze eingeführt. Insbesondere die Entfaltungsfreiheit von Frauen wurde massiv eingeschränkt.

Foto: Privat

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